April 20, 2020

Warum Innovationen Ökosysteme brauchen (Langversion*)

Das Coupa Cafe befindet sich auf der Ramona Street, inmitten von Palo Alto. Es ist ein Ort, an dem sich nicht nur die Mitarbeiter der ortsansässigen Digitalunternehmen, sondern auch Risikokapitalgeber sowie die Superstars des Silicon Valley treffen. Durchmischt wird das bunte Treiben vor Ort von Besuchern aus aller Welt. Jeden Tag aufs Neue. Das Cafe ist voller Ideen und Perspektiven aus der ganzen Welt, die tagtäglich miteinander zufällig interagieren und kollidieren. Jeden Tag werden hier Ideen entwickelt, die die Welt verändern könnten. Das Coupa ist ein Knotenpunkt. Ein Platz, an dem verschiedene Kulturen, verschiedene Unternehmen und Disziplinen zusammenkommen. Hier werden Dinge herausgefordert und starke Meinungen schwach gehalten. Entwickelt sich aus einer Diskussion eine bessere Opportunität, wird die alte fallen gelassen. Es gibt nur eine Richtung: Nach vorne.

Das Coupa ist so sehr mit der Kultur des Silicon Valley verflochten, dass es ein Mikro-Abbild des Silicon Valley Ökosystems darstellt. Und die Idee hinter dem Ökosystem ist relativ einfach: Wenn man sich mit vielen verschiedenen Sichtweisen auseinandersetzt, wenn man sich inmitten einer vielbefahrenen Kreuzung von Kulturen, Disziplinen und Erfahrungen stellt, steigt die Wahrscheinlichkeit, neue und weltverändernde Konzepte zu entwickeln.

Das Coupa ist wahrlich nur ein Beispiel von Vielen. Das antike Athen hatte seine Agoren, im Florenz der Renaissance traf man sich in von Fürsten gesponserten Werkstätten, im Wien von Freud, Klimt, Mahler und Zweig waren es die Kaffeehäuser und im goldenen Zeitalter des Silicon Valleys waren es die Computerclubs in den Garagen oder Institute wie das Bell Lab. Alle Orte teilen dabei spezifische Charakteristika: Es lag immer eine gewisse Reibung und Spannung in der Luft, was möglicherweise an den verschiedensten Kulturen lag, die hier in Kontakt miteinander kamen. Zudem gab es immer Leute oder Institutionen, die den Austausch förderten und für eine gewisse Dichte sorgten. Und zu guter Letzt teilen alle Orte eine gewisse Arroganz, die aber oft gutmütig gewesen ist und nur die Unzufriedenheit mit dem Status Quo abbildete.

Die Geschichte vom genialen und rauflustigen Erfinder, der sich unentwegt für seine Ideen einsetzt, mahlende und zermarternde Bürokratien bekämpft und bedeutende Veränderungen einleitet, ist ein Mythos. Innovation ist ein dynamischer Prozess der Entdeckung, der Entwicklung und der Transformation von Ideen und Erfindungen. Eben wie das Coupa. Erst durch kreative Kollisionen, Kollaborationen und das gemeinsame Streben, eine Invention oder Erfindung nachhaltig zu etablieren, wird der Weg zu einer Innovation geebnet. Innovation ist mehr Jazzkonzert als durchgeplantes Event. Innovation bedeutet Austausch und Pflege der Beziehungen.

Wir alle können von diesen Orten lernen. Ideen müssen in den Dialog mit anderen Ideen treten. Bisweilen müssen sie recycelt, zusammengeführt oder synthetisiert werden. Wir hingegen müssen offen sein für neue Sichtweisen, uns Zeit nehmen diese zu verstehen und auch von Zeit zu Zeit von Überzeugungen Abstand nehmen. So können sich lose Verbindungen zwischen Ideen, Konzepten oder Initiativen bilden, die hoffentlich einen neuen Kontext etablieren, der einen Mehrwert geniert.

Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir über Innovation nachdenken. Wir müssen akzeptieren, dass Innovation nicht das Produkt einzelner genialer Personen ist, sondern das Ergebnis eines ausgerichteten Kollektivs, welches ein gemeinsames Bewusstsein teilt, das Wissensgerüst und Zugehörigkeit zugleich darstellt.

Moderne Ökosysteme bilden hier oftmals den Rahmen. Egal ob es sich dabei um Ökosysteme handelt, die man räumlich verortet, die ein Netzwerk von Geschäftsbeziehung beschreibt oder sich um Technologien bildet, alle sind nur dann erfolgreich, wenn alle an einem gemeinsamen Strang ziehen, partizipieren und aus der Summe aller Teile etwas Größeres machen. Innovationen gedeihen in kollaborativen Ökosystemen deutlich besser, als wenn man sie entkapselt, einschließt und erst wieder raus lässt, wenn das Produkt, der Service oder das Geschäftsmodell fertig ist.

Ja, solche Ökosysteme sind nicht fehlerfrei. Es ist okay, wenn Fehler passieren. Fehler gehören zu robusten Ökosystemen dazu. Durch sie steigt die Adaptivität und Robustheit. Scheitern und Misserfolge sind daher ein fester Bestandteil von Innovationen. Thomas Edison zum Beispiel hielt über 1.000 Patente. Der Großteil war für die Mülltonne. Dennoch feiern wir ihn für seine Erfolge. Er war der Überzeugung, dass Fortschritt an Misserfolgen gemessen wird und richtete dementsprechend sein Innovationsökosystem names Menlo Park aus. Jede Niederlage schloss eine Möglichkeit aus und ermöglichte die Annäherung an die finale Lösung.

Es ist daher entscheidend, wie Organisationen heute Innovation und Kreativität strukturieren und organisieren. Experimente im und mit dem Ökosystem sind dabei unerlässlich. Sie dürfen nicht im Silo versauern. Oft wird jedoch vorgeschoben, dass dies gleichbedeutend mit Kosten, Zeitaufwänden und Risiko ist. Doch gerade in unserer verbundenen, globalen und netzwerk-getriebenen Welt sollten das keine Argumente mehr sein. Innovationen müssen herausgefordert und vom Markt unterstützt werden. Dafür müssen Unternehmen ihre eigenen Grenzen durchbrechen. Sie dürfen keine Mauern um ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bauen. Sie sollten eher zu Drehscheiben für Ideen und Innovationen werden. Egal woher sie kommen. Ob von Mitarbeitern oder aus dem nahen Ökosystem, wo sich Startups, Partner, Wettbewerber und andere Stakeholder tümmeln.

Die Grundlagen hierfür haben alle Organisationen bereits in ihrem Haus. Schnittstellen in das Ökosystem sind implizit in Unternehmen vorhanden. Jeder Mitarbeiter hat Kontakte, bestimmt wurden auch schon einige Projekte durchgeführt. Um mit diesen losen Verbindungen ins Ökosystem arbeiten zu können, ist es wichtig, beste Beziehungen explizit zu machen. Dies gilt vor allem für Innovationsabteilungen, Corporate Venture Capital Units oder Einkauf und Marketing. Wenn man seine Schnittstellen einmal erfasst und Kollegen oder anderen Abteilungen zur Verfügung stellt, fließen Ideen viel schneller durch das Unternehmen und können zudem besser organisiert und in Arbeitsprozesse integriert werden.

  • Vorlage, die mir aber zu gut erscheint, als dass man ihn löschen sollte.

Ecosystem Ökosystem Innovation corporate innovation


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