June 2, 2020

Robuste Ökosysteme als Ort der Innovation

Das Coupa Cafe gehört zu Palo Alto wie die Stanford University. Egal ob Techie, Risikokapitalgeber, Hippie oder Superstars des Silicon Valley, viele Leute holen sich in der Ramona Street ihren Kaffee oder verabreden sich dort zu einem Meeting. Durchmischt wird das bunte Treiben von Besuchern aus aller Welt. Jeden Tag aufs Neue. Es ist ein Ort voller Ideen, Perspektiven und Disziplinen die dort kollidieren und interagieren. Das Coupa ist ein Knotenpunkt im Netzwerk des Silicon Valley. Hier werden Dinge herausgefordert und starke Meinungen schwach gehalten. Entwickelt sich aus einer Diskussion eine bessere Opportunität, wird die alte fallen gelassen. Es gibt nur eine Richtung: Nach vorne.

Das Coupa ist so eng mit der Kultur des Valley verflochten, dass es ein Mikro-Abbild des gesamten Ökosystems darstellt. Es eine vielbefahrene Kreuzung voller verschiedener risikofreudiger Sichtweisen, Erfahrungen und Wünschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier neue und weltverändernde Konzepte entwickelt werden, ist ein paar Prozent höher, als im Café an der Hauptstrasse in einem Dorf im Vordertaunus.

Das Coupa ist wahrlich nur ein Beispiel von Vielen. Das antike Athen hatte seine Agoren, im Florenz der Renaissance traf man sich in von Fürsten gesponserten Werkstätten, in Wien von Freud, Klimt, Mahler und Zweig waren es die Kaffeehäuser und im goldenen Zeitalter des Silicon Valleys waren es die Computerclubs in den Garagen oder Institute wie das Bell Lab.

All diese Orte teilen spezifische Charakteristika: In ihnen lag immer eine gewisse Reibung und Spannung in der Luft, was möglicherweise an den verschiedenen Kulturen lag, die hier in Kontakt miteinander kamen. Zudem gab es immer Leute oder Institutionen, die den Austausch bewusst förderten und die Dichte an Perspektiven und Ideen hoch hielten. Und zu guter Letzt teilen alle Orte eine gewisse Arroganz, die aber oft gutmütig gewesen ist und nur die Unzufriedenheit mit dem Status Quo abbildete.

Die Geschichte vom genialen und rauflustigen Erfinder, der sich unentwegt für seine Ideen einsetzt, mahlende und zermarternde Bürokratien bekämpft und bedeutende Veränderungen einleitet, ist ein Mythos. Innovation ist ein dynamischer Prozess der Entdeckung, der Entwicklung und der Transformation von Ideen und Erfindungen. Innovation passiert eher im Coupa, als hinter verschlossener Tür. Erst durch kreative Kollisionen, Kollaborationen und das gemeinsame Streben, eine Invention oder Erfindung nachhaltig zu etablieren, wird der Weg zu einer Innovation geebnet. Innovation ist mehr Jazzkonzert als durchgeplantes Event.

Innovation passiert nicht im Vakuum

Orte wie das Coupa zeigen, dass Ideen gehört werden wollen. Sie müssen in den Dialog treten. Bisweilen müssen sie aber auch recycelt, zusammengeführt oder synthetisiert werden. So können sich lose Verbindungen zwischen Ideen, Konzepten oder Initiativen bilden, die hoffentlich einen neuen Kontext etablieren, der den Grundstein für eine Innovation legt.

Ja, solche Ökosysteme sind nicht fehlerfrei. Doch sie zeigen, dass es okay ist, wenn Fehler passieren. Fehler gehören zu robusten Ökosystemen dazu. Durch sie steigt die Adaptivität und Robustheit. Scheitern und Misserfolge sind daher ein fester Bestandteil von Innovationen. Thomas Edison hielt über 1.000 Patente. Der Großteil war für die Mülltonne. Dennoch feiern wir ihn für seine Erfolge. Er war der Überzeugung, dass Fortschritt an Misserfolgen gemessen wird und richtete dementsprechend sein Innovationsökosystem names Menlo Park aus. Mit jeder Niederlage von Menlo Park schloss Edison eine Möglichkeit aus und ermöglichte dadurch die Annäherung an die finale Lösung.

Natürlich feiern wir Thomas Edison als unternehmerisches Genie. Er hat mehrere Wirtschaftszweige ausgerichtet und ganze Gesellschaften nachhaltig beeinflusst. Doch seine Brillanz beschreibt nur einen Teil der Geschichte. Er stand auf den Schultern von Riesen. Ihm halfen zudem unzählige andere Personen, von Fabrikarchitekten, Managern und Buchhaltern bis hin zu Wissenschaftlern und normalen Arbeitern, die maßgeblich mit am Erfolg beteiligt waren.

Sicherlich war auch Edison an der Entwicklung der jeweiligen Technologien beteiligt. Doch er war keine Hyperspezialist, eher Orchestrator von Konzepten, Ideen und Entwicklungen. Er hat Ideen kondensiert, synthetisiert, harmonisiert und ihnen eine Richtung gegeben. Edison spürte, dass Innovationen mit der Zeit reifen, wenn man ihnen genügend Energie und Pflege zukommen lässt. Und ein wichtiger Bestandteil von Pflege ist Interaktion. Wechselwirkungen bringen uns und Innovationen voran.

Edison hat erkannt, dass es Strukturen braucht, die Ideen und Innovationen ein gemeinsames Ziel geben und sie dadurch ausrichten. In der Verständigung über das Ziel entsteht ein Denkgebilde, dessen Autorschaft keiner Person, sondern nur jenem Kollektiv gehört. Die größten Ideenlabore unserer Zeit sowie die größten und kreativsten Orte der Geschichte der Menschheit hatten und haben das verstanden.

Man muss offen und zugänglich für neue Ideen sein und sich Zeit nehmen. Entscheidend ist die hohe Konzentration an verschiedenen Sichtweisen und die losen Verbindungen zwischen ihnen. Die wichtigsten Ideen entstehen nicht in einsamer Eremitenarbeit, sondern in den Kaffeepausen, wenn man zwanglos über seine Arbeit diskutiert. Stichwort Serendipität.

Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir über Innovation nachdenken

Steve Jobs soll einmal gesagt haben, dass die Vorstellung, wie man ein Unternehmen aufbaut, faszinierend sei. Er habe entdeckt, dass die beste Innovation manchmal das Unternehmen ist, die Art und Weise, wie man sich organisiert”.

Wir müssen akzeptieren, dass Innovation nicht das Produkt einzelner genialer Personen ist, sondern das Ergebnis eines ausgerichteten Kollektivs und Prozesses, welches ein gemeinsames Bewusstsein teilt, das Wissensgerüst und Zugehörigkeit zugleich darstellt.

Edison und Jobs haben einen Lebensraum für Innovationen geschaffen. Sie haben Ökosysteme ins Leben gerufen, auf der dritte Personen und Unternehmen komplementäre und äquivalente Produkte, Services oder Technologien entwickeln konnten. Sie schufen Plattformen, die die Grundlage für weitere Plattformen bildeten, die ihrerseits ebenfalls zahllose neue Innovationen hervorbrachten.

Unternehmen sollten Innovationen eine Plattform zum Austausch geben. Sie sollten eine Dichte von Gleichgesinnten schaffen, in der Innovation prosperieren können. Um diesen Prozess zu unterstützen, haben wir den Ecosystem Manager entwickelt. Er hilft, Informationen über das Ökosystem an einer zentralen Stelle zu organisieren und diese den eigenen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Der Ecosystem Manager ermöglicht die Organisation von Ideen und Initiativen sowie von Stakeholdern und Partnerschaften.

Interaktion und Wechselwirkung stärken Innovationen. Mit dem Ecosystem Manager unterstützen wir die Gärtner von Ökosystemen bei der Orchestrierung von Konzepten, Ideen und Entwicklungen rund um das Unternehmen. Es ist ein Werkzeug zur Förderung von Austausch und hilft dabei die Dichte an Perspektiven und Ideen im Unternehmen hoch zu halten.

Je besser Unternehmen ihre Ökosysteme kennen, strukturieren und orchestrieren, desto robuster und effizienter das Unternehmen und desto besser die Aussichten auf Erfolg in unsicheren und volatilen Märkten.


Der Artikel ist zuerst auf dem Blog von Axel Springer hyerschienen. Teil 1 hier.


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