July 16, 2020

Gaia-X

Ein paar Gedanken zu dem #GaiaX Handelsblatt Artikel. Stay with me, es wird unangenehm: Grundlegend ist die Motivation nicht verkehrt, denn Cloud = harte Infrastruktur. Doch wer meint hier überhaupt irgendeine Nadel bewegen zu können, der irrt. Die Hypercloud-Anbieter (nennen wir einfach mal die Bösen: Amazon, Google, Microsoft) haben weltumspannende harte Infrastrukturen (= Blech), in die sie Milliarden investieren. Jedes Jahr. Jeder. Das Geld fließt in Datacenter, Millionen von CPUs, transatlantische Kabel etc pp. Ernstzunehmende Wettbewerber, die einem hier einfallen, sagen wir mal IBM oder Oracle, investieren hingegen eher Asset-Light als CAPEX-getrieben. So hat IBM Red Hat für 34 Milliarden gekauft und bei Oracle sinken die Investitionen seit 2017. Ein Zeichen für fehlende Kunden.

Die CAPEX Ausgaben von Microsoft, Amazon und Google hingegen stiegen in den letzten 10 Jahren unaufhörlich. Bei Microsoft waren es 2019 zw. 15 und 20 Mrd. US-Dollar, bei Google knapp 25 Mrd. und bei Amazon 31,95 Mrd. auf dem Zettel. Und jetzt kommt plötzlich GAIAX um die Ecke. Angestachelt durch den Erfolg der Hyperclouds, will man das ganze Spiel sicherer, transparenter, souveräner, blabla und innovativer machen. Versteht mich nicht falsch. Das sind Dinge, die ich befürworte.

Doch am Ende ist es nur eine Schüssel voller netter neuer Buzzwords, die erstmal nur ein Protokoll (Hallo Internet!) beschreiben, welches magisch alle CAPEX Investitionen der Hyperclouds egalisiert. Das kleine gallische Dorf GAIA im Kampf gegen die Übermacht aus dem Westen. Es scheint ein Kampf, der aussichtslos ist. Da helfen auch nicht die schönsten und besten Ideale. GAIAX wird zerdrückt wie Ernest Shackleton’s Endurance im arktischen Eis. Gegen Naturgewalten hilft auch nicht die beste Vorbereitung. Denn was setzt GAIA-X den Milliarden entgegen? Ein Grundlagenbudget von 1,5 Millionen (!) Euro pro Jahr. Nicht genügend, aber ausreichend” so ein beteiligter Partner. 1,5 Mio., um gg China und die USA zu bestehen. Ahem. Ihre Majestät. Sie belieben zu scherzen. Es bleibt abzuwarten, was ausreichend bedeutet. Again: Wir brauchen Alternativen. Aber wer große Worte schwingt, muss auch Taten folgen lassen. Das Geld reicht nicht annähernd aus. Uber gibt allein pro Monat $3M für Cloud Services aus. Und GAIAX will ein Gegengewicht bauen?

Was ist also die Antwort? Ich weiß es nicht. Klar. Aber die große Alternative bauen ist schlichtweg Banane. Lieber sollte man kleine Brötchen backen. Dort helfen, wo Probleme digitalen Mehrwert verhindern. Come for the tool, stay for the network” lautet eine SV Trope. Zum Beispiel Anwendungen wie der matrixbasierte Messenger Element von @PUBLIC_Germany, der eine halbe Mio, für ein Chat-Programm für Schulen und Verwaltung, gestern erhielt, zeigen den Weg auf. Ein kleiner Teich, verglichen mit dem Cloud Ozean.

Aber hier kann was bewegt werden. Zieht man das Pferd von unten auf, wird sich das auch in der Gesamtwirtschaft bemerkbar machen. Und zwar effektiver, werthaltiger und stärkender. Erst wenn die Basis robust und adaptiv ist, kann man in den Krieg ziehen. Wer Infrastrukturen ohne Anwendungen baut verliert. Wir brauchen Services, die Probleme lösen und Nutzer abholen. Keine fünfte Infrastruktur, wenn doch eigtl alle schon grundversorgt sind. Erst recht nicht, wenn man sich diese nicht leisten kann.

Infrastruktur Cloud Politics thoughts
July 16, 2020

25 Jahre Amazon

Heute vor 25 Jahren ging Amazon online. Ich erspare euch aber die mythische Gründer-Geschichte vom smarten Informatiker Bezos, der einen gut dotierten Job aufgab, um in einer Garage eine Firma zu starten. Wir alle wissen, was seitdem passiert ist. Nur wenige Unternehmen der Geschichte können sich mit Amazon messen. Handel und Logistik wurden auf den Kopf gestellt, einmal kräftig geschüttelt und von Amazon neu geordnet.

Eine Erfolgsgeschichte. Doch diese hat auch Schatten: Kurz nach dem Start, stand Bezos nämlich fast vor dem Ruin. Hätten seine Eltern, Jackie und Mike Bezos, keine $245,573 US-Dollar 1995 in die ungetestete Idee Online-Shopping investiert, wäre das persönliche Vermögen von Bezos sicherlich nicht um 84 Mrd. US-Dollar zwischen März und Juli 2020 gewachsen.

Bezos konnte Amazon nur bauen, weil er in relativen Reichtum hineingeboren wurde. Als Kind der oberen Mittelschicht durfte er sich Fehler und großes Risiko erlauben. Doch vielen Menschen wird dies in einer Welt, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, verwehrt. Nur wenige können auf Sicherheitsnetze zählen und ein Startup in einer Garage groß ziehen. Und genau daran sollte man an solch einem Geburtstag auch erinnern.

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July 16, 2020

Instagram

Die ersten Instagram-PostsDie ersten Instagram-Posts

Heute vor 10 Jahren teilten Mike Krieger und Kevin Systrom die allerersten Bilder auf Instagram. Krieger lud ein Foto von South Beach Harbor am Pier 38 hoch. Systrom teilte ein Foto von einem Hund und dem Fuß seiner Freundin an einem Taco-Stand in Todos Santos, Mexiko.

Das Bild von Systrom gilt gemeinhin als der erste Instagram Post, da in seiner URL ein C und bei Krieger ein G verwendet wurde. Aber Kriegers Gram ist laut Zeitstempeln ein paar Stunden jünger. Die chronologische Reihenfolge der Beiträge stimmt nicht mit der alphabetischen überein. Sei’s drum. Beide Fotos wurden in eine App namens Burbn hochgeladen. Drei Monate später, im Oktober 2010, wurde aus Burbn dann Instagram (instant telegram) und die App wurde der Öffentlichkeit vorgestellt.

Heute hat Instagram mehr als 1 Milliarden aktive Nutzer pro Monat, täglich werden mehr als 400 Millionen Stories geteilt, durchschnittlich landen 100+ Millionen Fotos auf der Plattform und insgesamt wurden mehr als 50 Milliarden Fotos geteilt. Nicht schlecht für ein Unternehmen, welches nur mit ein paar Filtern für digitale Fotos startete.

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July 14, 2020

Arschlexa

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Amazon Jeff Bezos digital disruption
July 14, 2020

25 Jahre MP3

Happy Birthday MP3 🥳 Heute vor 25 Jahren fand im Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen eine Abstimmung statt, wie die im Institut entwickelte Musikdatei heißen sollten. Jürgen Zeller teilte das Ergebnis in einer Mail an seine Kollegen:

Hallo, nach der überwältigenden Meinung aller Befragter: die Endung für ISO MPEG Audio Layer 3 ist .mp3. D.h. wir sollten für kommende WWW-Seiten, Shareware, Demos, etc. darauf achten, dass keine .bit Endungen mehr rausgehen. Es hat einen Grund, glaubt mir :-)“

Was folgte ist uns allen bekannt: Der Computer als Musikzentrale, FTP Server mit Tonnen an Musik, WinAmp, Napster, Audiogalaxy, Kazaa & Co, Ignoranz, Kampf und Untergang der Musikindustrie, Steve Jobs und der iPod, eine Flut von MP3 Playern, MySpace und irgendwann dann Streaming und Spotify. Eine bahnbrechende Neuerung. MP3 hat die Regeln für den Wettbewerb neu geschrieben.

Auch wenn die Technologie nicht mehr State of the Art, der wohl wichtigste deutsche Beitrag zum Internet hält sich wacker. Eine wahre #Sprunginnovation.

Wer mehr über die Gründungsgeschichte der Erlanger Kompressionstechnik lesen möchte, dem sei die vom Fraunhofer IIS eingerichtete Seite zur MP3 Geschichte empfohlen.

digital disruption
July 9, 2020

Musik aus dem Hahn - Wie vor mehr als 100 Jahren das Musik-Streaming erfunden wurde

Die Geschichte ist voll von obskuren Erfindungen und rastlosen Erfindern. Manche setzen sich durch, andere ertrinken im Fluss der Zeit. Eine dieser vergessenen Erfindungen ist ein utopisches Biest namens Telharmonium, der erste elektrische Synthesizer und Urvater des Musik-Streaming. Ausgedacht und entwickelt vom umtriebigen Physiker Thaddeus Cahill um die Jahrhundertwende. Seine Idee: Wenn Luft in Pfeifen Töne erzeugen kann, müsste auch elektrischer Strom Membranen schwingen lassen können.

Cahill übersetzte seine Überlegungen in eine Skizze und meldete 1896 ein Patent an. Vier Jahre später hatte er einen ersten Prototypen entwickelt. Dieser erste Entwurf sollte die Prinzipien des Telharmoniums” oder Dynamophons” festlegen. Cahill wollte ein universelles perfektes Instrument” erschaffen. Einen mechanisches Apparat, der absolut perfekte Töne erzeugt, basierend auf den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es sollte die Ausdauer der Pfeifenorgel mit dem Ausdruck eines Klaviers, die musikalische Intensität einer Geige mit der Polyphonie eines Streichersatzes und die Klangfarbe und Kraft von Blasinstrumenten mit der Akkordfähigkeit einer Orgel verbinden. Kurz: Es sollte traditionelle Instrumente und damit auch Musiker überflüssig machen.

Ausgestattet mit unternehmerischen Pragmatismus fragte Cahill sich nämlich auch, was sich im Markt gut verkaufen ließe. Dabei stieß er auf einen etablierten Zweig: Live-Musik. Um die Jahrhundertwende lag allein in New York die Summe aller Musikergagen in Restaurants, Kirchen, Unterhaltungsetablissements und anderen Orten bei rund einer Million Dollar pro Jahr. Ein skalierendes Konkurrenzangebot müsste daher eine Goldgrube sein, überlegte Cahill.

Cahill’s Prototyp, McClure’s magazine, Ausgabe 27, 1906Cahill’s Prototyp, McClure’s magazine, Ausgabe 27, 1906

Cahill’s Vision, Überzeugungskraft und Arbeitseifer fruchtete. Er fand Investoren, eröffnete eine Werkstatt und finalisierte seinen Prototypen. Mit genügend Kapital ausgestattet schuf Cahill ein futuristisches Monstrum. Sein Mark II wog knappe 200 Tonnen, besaß albtraumhafte 672 Tasten plus 336 Regler, hatte die Ausmaße einer Kathedralenorgel und wurde mit 30 Güterwaggons nach New York City gefahren. Dort belegte es zwanzig Jahre lang ein gesamtes Stockwerk der Telharmonic Hall” in der 39th Street am Broadway. Insgesamt kotete die Entwicklung ungefähr 200.000 US-Dollar. Umgerechnet circa 5,8 Millionen US-Dollar!

Telharmony - Musik-Streaming-Abos im zwanzigsten Jahrhundert

Als er seine Maschine der Welt vorstellte, verharrte diese im Staunen. Die Presse sprach von absoluter Klangtreue, vollen Tönen, glockenklaren Blechbläsern und außerordentlichen Orgeltöne. Es muss eine überirdische Erfahrung gewesen sein. Mark Twain wollte sogar seinen Tod verschieben, um noch einmal in den Genuss der Klänge des Synthesizers zu kommen. Unter keinen Umständen könne er diese Welt verlassen, bevor er das nicht wieder und wieder gehört habe, ließ er verlauten. Und auch der Physiker William Thomson Kelvin hielt das Telharmonium für eine der größten Leistungen des menschlichen Gehirns“. Unweigerlich muss man an die Begeisterungsstürme von Steve Jobs, Jeff Bezos oder John Doerr denken, die um die Jahrtausendwende lobpreisende Lieder über den Segway sangen.

Doch die eigentliche Sensation war nicht der Klang. Die originelle Art und Weise, wie die Musik entstand, lies aufhorchen. Da die Töne elektrisch erzeugt wurden, konnte man die Signale theoretisch über Telefonleitungen kilometerweit verschicken. Cahill schlug deswegen vor, die elektronische Musikausgabe über das neu eingerichtete Telefonnetz an Abonnenten zu Hause oder in Hotels und öffentlichen Räumen zu verteilen; daher der Name Telharmonium - Telegraphic Harmony”. Cahill arbeitete an nicht weniger als an der Fernübertragung von Musik. Und das ein Jahrzehnt vor der Erfindung des Radios und der Erfindung von modernen Lautsprechern. Er etablierte einen viktorianischen Streaming-Dienst.

Titelbild Scientific American, Volume 96, Nummer 10, 1907, via archive.org)Titelbild Scientific American, Volume 96, Nummer 10, 1907, via archive.org)

Die Idee, Musik über das Telegrafen- oder Telefonnetz zu übertragen, war jedoch nicht neu. Cahill war über frühere Erfindungen und Experimente mit telegraphischer Musik gut informiert. Bereits 1809 schuf der preußische Anthropologe Samuel Thomas Soemmerring einen elektrischen Telegraphen, der aus mehreren Kilometern Entfernung eine Reihe gestimmter Glocken auslöste. 1893 gründete der ungarische Ingenieur Tivadar Puskás den Telefonhírmondó”, eine Art telefonbasierte Zeitung, die Musik und Nachrichten über das Budapester Telefonnetz an bis zu 91.000 Abonnenten sendete. In Paris schuf Clément Ader 1881 das Théâtrophone”, eine Art frühe binaurale oder Stereo-Audioübertragung von Musik und Theater, die bis zu ihrer Ablösung durch den Rundfunk 1931 lief. Und in London 1895 verteilte der Electrophone”-Dienst in ähnlicher Weise Musiksaal- und Unterhaltungsmusik an ein Abonnentenpublikum. Außerdem hatte Elisha Gray, einer der Erfinder des Telefons, 1874 eine Methode entwickelt, um mit Hilfe elektromagnetisch gesteuerter, vibrierender Metallzungen Tonhöhen über ein Telegrafennetz mit großer Reichweite zu übertragen. Er nannte seine Erfindung den Musikalischen Telegraphen“ und inspirierte Cahill zu seinen Bemühungen.

Zwei Telharmonisten, McClure’s magazine, Ausgabe 27, 1906Zwei Telharmonisten, McClure’s magazine, Ausgabe 27, 1906

Sich den Entwicklungen bewusst, erkannte Cahill in der Kombination des Mediums Telefon mit Unterhaltungsmusik großes Potential. Denn bis dato — und auch teilweise noch heute — scheiterten die oben genannten Experimente am Klangbrei, der entsteht, wenn man mehr als einen Ton über eine Leitung schickt. Cahill’s Erkenntnis: Wenn die Töne elektrisch wären, könnte es funktionieren.

Also schloss er neben seinem Hauptgeschäft — mehrfache tägliche Vorstellungen am Broadway — einen Deal mit der New Yorker Telefongesellschaft. 1905 ließ er die ersten Kabel durch die Stadt verlegen. Für 25 US-Cent die Stunde (individuelle Abrechnung) oder 50 Dollar im Monat konnte man fortan der Musik aus dem Hahn“ lauschen. Cahill taufte die Musik Telharmony“. Abonnenten konnten ihr Telefon in die Hand nehmen, den Betreiber bitten, sie mit dem Telharmonium zu verbinden, und sofort wurden die Drähte ihrer Telefonleitung mit den Drähten des Telharmoniums verbunden. Auf vier Kanälen liefen live-gespielt Klassik, geistliche Musik, Oper und Populärmusik. Auch ein Kanal für Entspannungsmusik war geplant. Die damaligen Top-Streaming-Interpreten waren Bach, Chopin, Grieg oder Rossinni. Als die Presse von dem neuen Dienst erfuhr, ging sie sogar soweit und sprach von der Demokratisierung der Musik!

Das neuartige Musik-Vertriebsmodell richtete sich zunächst an Edelrestaurants. Im Louis Sherry’s, im Casino-Theatre, im Waldorf-Astoria, im Plaza und im Café Martin wurden die Gäste von Telharmoniumklänge umgeben. Aber auch Kirchen buchten den Dienst. Die Gründe waren profan: Restaurants und Kirchen wollten Geld für Musiker sparen. Nach den ersten Begeisterungswellen holten sich auch reiche New Yorker den Dienst in ihre Wohnungen. Neben Walter Damrosch oder Giacomo Puccini auch eben erwähnter Mark Twain. Er behauptete, dass das Telharmonium für die menschliche Spezies ein größerer Wohltäter werden (wird) als das Telefon oder der Telegraf”. Twain wünschte sich sogar eine Begleitung seiner Beerdigung durch das Telharmonium. Verbundene Straßenlaternen könnten doch den Trauermarsch spielen.

Der Anfang vom Ende

Von dieser Begeisterung angestachelt, begann Cahill ein Netz von Telharmonic Halls” aufbauen. Sein Interesse galt fortan der Musikvermarktung über das Telefonnetz. Er war ein Pionier der wirtschaftlichen Nutzung von Kabelnetzen und damit ein Urvater des Internets.

1906 hatte seine Firma 900 Aktionäre bereits verzeichnen können. Viele New Yorker strömten in die Telharmonic Hall am Broadway, um die Musik der Zukunft selbst zu erleben. Die elektronische Musik aus Zahnrädern war der Hit der Jahres.

Das Telharmonium, WikipediaDas Telharmonium, Wikipedia

Doch zu seinem Pech fehlten damals viele unterstützende IT-Grundlagentechnologien, auf die wir heute zurückgreifen können. Auch war das System kompliziert in der Handhabung. Es brauchte mindestens zwei Telharmonisten, um die ausufernde Klaviatur zu bedienen. Zudem verstimmte das Instrument ständig und es wurde sehr leise, je mehr Töne man anschlug. Ein anderes Problem lag in der Kommunikationsinfrastruktur. Die übertragenden Kabel leckten“. Der Grund: Das Telharmonium war so wuchtig, weil es noch keine elektronischen Verstärker gab. Die Tongeneratoren waren in Wirklichkeit riesige elektrische Wechselstromgeneratoren, die die Leistung für sämtliche per Telefonnetz angeschlossenen Lautsprecher selbst erzeugen mussten, um alle Zuhörer mit genügend Schalldruck zu versorgen. Es mussten gigantisch-verstärkte Signale erzeugt werden. Das Problem: Diese schlugen auf nahegelegenen Telefonleitungen über. Problematisch wurde es, als es Dienstleistungen der Börse beeinträchtigte. Zudem kam es zu Interferenzen mit Telegrafenleitungen. Und bei Experimenten mit Funkübertragungen empfingen die Empfänger nicht nur Musik, sondern auch Morsezeichen einer Marinebasis. Umgekehrt störte das Telharmonium-Signal den Marinefunk, was dem Militär durchaus mißfiel. Cahill war deswegen überzeugt, dass sich die sonderbare Radiotechnologie nie durchsetzen würde. Zudem wollten seine Investoren langsam aber sicher Geld sehen. Doch Cahill reinvestierte jeden Gewinn in die Weiterentwicklung seiner Vision und blendete jegliche Kritik aus.

Thaddeus Cahill (* 18. Juni 1867 in Iowa; † 12. April 1934 in Manhattan, New York)Thaddeus Cahill (* 18. Juni 1867 in Iowa; † 12. April 1934 in Manhattan, New York)

Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann brach Cahill’s Traum in sich zusammen. Die Investoren drohten mit Klagen. Auch Technologieprobleme machten ihm zu schaffen. Problematisch war vor allem der Mangel an elektronischer Verstärkung. Alles musste unter Vollast laufen. Das System war extrem ineffizient und verlor viel Strom. Außerdem erhielten die Telefongesellschaften vermehrt Beschwerden zu übergriffigen Telharmoniumkabel und kündigten den Vertag. Parallel nahm die Qualität der Live-Konzerte rasch ab, denn die eingestellten Musiker waren überarbeitet. Immerhin rackerten sie 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche, um die Nachfrage nach Konzerten und Streams zu bedienen. Und ohne Investoren konnte sich Cahill keine weiteren Mitarbeiter leisten. Hinzukam, dass das ausgegeben Signal am Ende der Telefonleitung natürlich schrecklich klang. Da halfen selbst von Cahill gebastelte Telefonhörner nichts, die man zur Verstärkung des Signals an das Telefon anbringen sollte (Smartphone Accessoires anyone?).

Obwohl Cahill’s Firma New York Electric Music Company viele Hürden überwand, hatte das Unternehmen nicht genügend Abonnenten, um wirtschaftlich zu arbeiten. Elektrische Musik klang in der Theorie wunderbar, aber in der Praxis war sie zu zickig und teuer. Für jede 10.000 neue Abonnenten hätte man ein neues Kraftwerk bauen müssen, um sie mit Musik zu versorgen. Nachhaltig und skalierend ist etwas anderes. Das Geschäft brach ein und man schloss die Firma 1914 endgültig. Zwar versuchte Cahill vorher noch die Preise zu senken und ließ Gullydeckel sowie Straßenbahnwaggons musizieren. Doch auch die vielen PR-Stunts halfen nicht.

Das Backend des Telharmoniums)Das Backend des Telharmoniums)

Cahill floh aus New York und hinterließ ein Millionengrab. Wortwörtlich, denn die Entwicklung hatte mehr als eine Millionen US-Dollar gekostet. Noch einmal: Wir sprechen über die Zehnerjahre im zwanzigsten Jahrhundert. Mit seinem letzten Geld kaufte er seinen Investoren die Rechte an der Maschine ab. Auch wenn er nach Washington und New York noch ein drittes Telharmonium mit den letzten Cents bauen sollte, das öffentliche Interesse verpuffte so schnell wie es sich aufgebaut hatte.

Neue Musik für eine alte Welt

Heute existiert keines der drei Telharmoniums mehr. Selbst Tonaufnahmen sind nicht bekannt. Unteranderem wohl auch deswegen, weil angeblich ein Geschäftsmann aus New York über die Störung des Telefondienstes so empört war, dass er in die New Yorker Telharmonic Hall stürmte, das Musikinstrument zerstörte und Teile in den Hudson warf. Auch wenn diese Geschichte sicherlich ins Reich der Legenden gehört, zeugt sie vom aufkeimenden Sturm der Entrüstung, die sich um die neue Technologie aufgestaut hatte. Letztlich hatte sich die Idee Musik per Telefon zu streamen nicht durchsetzten können. Der Sargnagel war dann die Erfindung des Röhrenverstärker im Jahr 1912 mit dem man Töne leise verschicken und sie am Ende der Leitung wieder laut ausgeben konnte. Erfinder und Wissenschaftler nahmen alte Kommunikationsexperimente wieder auf und kurze Zeit später entstand das Radio.

Thaddeus Cahill starb am 12. April 1934. Und mit auch das Telharmonium. Das letzte Exemplar landete einige Jahre nach Thaddeus’ Tod auf dem Schrottplatz. Zwar versuchte Arthur T. Cahill, der Bruder von Thaddeus, noch ein Zuhause für das einzige verbliebene Instrument im Jahr 1950 zu finden. Aber niemand zeigte Interesse. Also verkaufte er es. Der Legende nach wohl inklusive der Aschereste von Thaddeus. Die Basistechnologie jedoch überlebte. Viele der Konzepte aus dem Telharmonium wurden in den 1960ern in der Hammondorgel übernommen. Mit dem Unterschied, dass die elektrische Verstärkung sich zu einer Basistechnologie entwickelt hatte und die Hammondorgel nur“ leichte 200 Kilogramm wog.

Was bleibt sind die frühen Geschäftsmodell-Experimente. Cahill’s Bemühungen zeugen vom Mut des Unternehmers. Seine Erfindung brach mit dem Status Quo. Sie war radikal und entfachte gerade deswegen Begeisterung. Er war ein Geschäftsmodell-Pionier. Sein Musik-as-a-Service Modell war der Zeit voraus. Er schuf magische Momente und verblüffte die Gesellschaft. Auch wenn seine Apparatur komplex war, das technisch-versiertere Radio einen noch größeren Markt schuf und sich On-Demand-Musik aus der Cloud und Streaming erst hundert Jahre später etablieren sollten. Es braucht Menschen wie Cahill, um Neues in die Welt zu bringen. Er schuf den ersten Dienst, der es amerikanischen Abonnenten erlaubte, Musik von ihren Telefonen zu streamen. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Schon gar nicht Apple Music, Spotify oder Rdio.


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