January 21, 2021

Kampf der Götter

Illustration for “God’s Providence”, from the 1705 English edition of Orbis Sensualium PictusIllustration for “God’s Providence”, from the 1705 English edition of Orbis Sensualium Pictus

American Gods ging diese Woche in die dritte Staffel. Leider ist die Serie der literarischen Vorlage von Neil Gaiman nicht gewachsen. Aber das Grundnarrativ bleibt auf den Punkt:

Beschrieben wird das Verblassen der Götter der alten Zeit, da niemand mehr an sie glaubt. Im Vakuum der Macht erheben sich neue Gottheiten aus dem Bewusstsein der Menschen. Wesen, die die neuen Medien, den Kapitalmarkt, die Drogen, die Mobilität, die Schönheitschirurgie und — no surprise — das Internet vertreten. Sie fordern Odin, Loki, Czernobog, Anansi, Kali, Anubis, Gwydion und viele andere heraus und es kommt wie es kommen muss.

Auch wenn keine Göttlichkeit erwähnt wird, die ihre Stärke aus der Innovation und kreativen Zerstörung schöpft, würde es mich nicht wundern, wenn sie existiert und mächtig ist. Denn Innovation wird so intensiv gepredigt und gelebt wie nie zuvor. Überall lauern Erlösergestalten und andere Hohepriester, die Melodien über #Disruption, #Transformation und die Unvermeidbarkeit des Neuen pfeifen.

Und wie es so ist mit Göttern und Gefolgschaften. Die falschen Propheten überwiegen. Schein oder sein, wer vermag das zu unterscheiden. Solange die Predigten nicht enden, ist die Göttin glücklich. Wer überleben will, sollte huldigen. Es kann nicht schaden. Oder?

Neil Gaiman American Gods Propheten Narrativ innovation
January 18, 2021

Entstehungsgeschichte der Tour de France

Erste Tour de France, L’Auto, 01. Juli 1903Erste Tour de France, L’Auto, 01. Juli 1903

Das prestigeträchtigste Rennen der Radsportwelt hat in den letzten Jahren zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt. Sowohl sportlich als auch finanziell. Was ich nicht wusste, war, dass es aus einer tiefen finanziellen Verzweiflung heraus geboren wurde.

Die Tour de France wurde um die Wende des 20. Jahrhunderts von der französischen Zeitung L’Auto ins Leben gerufen. 1903 musste das Magazin einen Umsatzrückgang hinnehmen. Also nahm man die Mitarbeiter ins Gebet und bat sie, nach Wegen zur Steigerung der Auflage zu suchen.

Während einer Krisenkonferenz kam der 26-jährige Sportjournalist Géo Lefèvre auf die Schnappsidee, das größte Radrennen in der Geschichte des Landes zu veranstalten. In späteren Interviews gab er an, er habe das Sechstagerennen durch Frankreich nur vorgeschlagen, weil ihm nichts anderes einfiel.

Obgleich man überzeugt war, dass dem Automobilsport die Zukunft gehörte, versuchte man es trotzdem. Lefèvre wurde Berichterstatter, Rennleiter, Schiedsrichter, Zeitnehmer und Zielrichter. Mit Erfolg. Das Rennen verdreifachte die Auflage von 25.000 auf 65.000 Zeitungen pro Tag, und in den nächsten dreißig Jahren konnte die Zeitung eine 34-fache Steigerung der Auflage verzeichnen.

Vielleicht fühlt sich irgendwer aus der Medienindustrie ja inspiriert 🚴

Medien Innovation Marketing Zeitungen Newspaper innovation
January 14, 2021

Worcestershiresauce

Lea&Perrins WerbungLea&Perrins Werbung

Worcestershiresauce. Ein Wort, fast so sperrig wie Eyjafjallajökull. Was die wenigsten wissen: Hinter der Soße steckt eine tolle Innovationsgeschichte.

Die englische Würzsoße wird seit 1837 von Lea & Perrins in Worcester in der Grafschaft Worcestershire hergestellt. Der Legende nach betrat 1835 Lord Marcus Sandys, ein ehemaliger Gouverneur von Bengalen, die Drogerie von William Henry Perrins & John Wheeley Lea. Er gab eine Soße in Auftrag, die ihm in Indien begegnet war. Die Chemiker rührten das Rezept von Sandys an. Die Mischung erklärten sie aber für ungenießbar. Sie warfen die Soße weg, doch ein Steingutkrug überdauerte im Keller. Monate später wurde er wiederentdeckt und man wagte eine Kostprobe. Und hokuspokus… Auf magische Weise hatte sich die Soße zu etwas Köstlichem” gemischt.

Die meisten Elemente der Geschichte waren natürlich frei erfunden. Ein Lord Sandys existierte nicht. Es war ein brillanter Marketingtrick. Geschickte Werbung — das Produkt wurde zudem auf Ozeandampfer von bezahlten Stewards angepriesen — machte das exotische Gewürz weltweit bekannt und die Verkaufszahlen stiegen rasant.

Merke: Innovation ist nicht immer nur Produkt. Geschicktes Marketing ist genauso wichtig. Auch, wenn wir das vielleicht nicht so gerne hören wollen.

Marketing Variation innovation
January 7, 2021

Alexander Fleming

Bild WikipediaBild Wikipedia

Eine der am häufigsten zitierten Erzählungen über Innovation, ist die Geschichte von Alexander Fleming.

Nach seiner Rückkehr aus dem Sommerurlaub 1928 entdeckte er einen seltsamen Schimmelpilz auf einer vergessenen Bakterienkultur. Doch er warf sie nicht weg, wie viele es getan hätten. Er studierte sie. Zu seiner Überraschung hatte er der Pilz eine wachstumshemmende Wirkung auf die Kultur. Also isolierte er den Pilz und ordnete ihn der Gattung Penicillium zu.

Oft ausgelassen wird, dass nicht Fleming das Penicillin zu einem Wundermittel machte. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis ein Team um Howard Florey & Ernst Chain Flemings Arbeit wiederentdeckten. In Jahren der Zusammenarbeit mit Laboren sowie dem US-Militär läuteten sie die Ära der Antibiotika ein. 1945 erhielten Fleming, Chain und Florey gemeinsam den Nobelpreis für Medizin.

Aus irgendeinem Grund neigen wir dazu, Innovation einzelnen Personen zuzuordnen. Doch weit gefehlt. Innovation ist eine höchst soziale Aktivität. Und sie braucht Zeit. Vielleicht können wir noch alleine feststellen, ob wir etwas besseres gefunden oder geschaffen haben. Doch selten geht es um unser Wissen. Mit wem wir sprechen & kollaborieren ist wichtiger. Innovation braucht Wirkung in der Breite. Innovation braucht Netzwerke.

innovation
December 17, 2020

Es braucht zwei um etwas zu erfinden

Wilhelm Marstrand: Don Quixote and Sancho Panza at a crossroadWilhelm Marstrand: Don Quixote and Sancho Panza at a crossroad

Es braucht zwei, um etwas zu erfinden”, meinte einmal der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry, einer bildet Kombinationen aus, der andere wählt.”

Was wir als Genie” bezeichnen, ist viel weniger die Arbeit des ersten als vielmehr die Bereitschaft des zweiten, den Wert dessen, was ihm präsentiert wurde, zu erfassen und in die richtigen Bahnen zu lenken.

Don Quijote hatte Sancho Panza. Sigmund Freud hatte Wilhelm Fließ. Picasso hatte Georges Braque. Martha Graham hatte Louis Horst. Igor Strawinsky hatte Sergej Diaghilew. Steve Jobs hatte Tim Cook und The Woz. Fritz Haber hatte Carl Bosch. Jacques-Yves Cousteau hatte Émile Gagnan. Marie-Anne und Antoine Lavoisier waren verheiratet, ebenso wie Marie und Pierre Curie.

Hinter vielen Genies stehen Personen, die sie nicht nur ergänzen sondern zu mehr als die Summe ihrer Persönlichkeiten machten. Zu zweit denkt es sich nicht nur leichter. Zu zweit gleichen sich Unzulänglichkeiten und Widersprüche auch leichter aus.

Der Erfinder braucht den Industrialisierer. Der Künstler den Krieger. Der extravagante Igel harmoniert überraschend gut mit dem introvertiertem Fuchs. Komplementäre Beziehungen können sehr fruchtbar sein, auch wenn die Gefahr besteht, dass sie erstarren oder explodieren.

Erfindung Innovation invention
December 14, 2020

In vino veritas 🍷

Weinbau ist schönWeinbau ist schön

Früher genügte es wenige Rebsorten zu kennen 🍇 Cabernet Sauvignon, Syrah, Pinot Noir sowie Sauvignon Blanc, Riesling und Chardonnay dominierten im 🍷 Vielerorts verbesserte man Weine, indem man lokale Reben durch Edelreben ersetzte. Unzählige Sorten fielen in den 1990ern einem rücksichtslosen Kolonialismus zum Opfer.

Glücklicherweise hat sich das Interesse gewandelt. Heute zählt Lokalität, Einzigartigkeit und Obskurität. Das Terroir” — der Boden und das Klima eines bestimmten Ortes und die Spuren, die diese lokalen Bedingungen hinterlassen — zählt. Die Beziehung zum Wein zählt. In Frankreich nennt man deswegen den Umgang von der Gärung bis zur Flasche élevage” — Großziehen. Das respektieren und schätzen wir.

Leider hat sich dies nicht bis in die #Internetwirtschaft rumgesprochen. Wir kopieren rigoros Ökosysteme, wie z.B. das Silicon Valley, mit seinen Methoden, Strukturen und Architekturen, anstatt auf regionale Besonderheiten oder Bedürfnisse einzugehen. Und das trotz des Wissens, dass Ökosysteme nur lokal gedeihen.

Doch Tradition und Lokalität kann wertstiftend sein, wenn man sich unterstützt. Diversität ermöglicht Tiefe und Ganzheitlichkeit. Verliert man diese, büßt man Vitalität und Seele ein. Davor sollten wir uns hüten. Think global, act nodal.

Wein wine ecosystems Ökosystem Internetwirtschaft Garten think global act nodal innovation
December 10, 2020

Begeisterung kann trügen

Um die Jahrtausendwende bezeichnete Steve Jobs eine Erfindung als die wichtigste Innovation seit dem PC. Jeff Bezos und John Doerr stimmten ein: Das Gerät sei wichtiger als das Internet. Heute vor 19 Jahren wurde die Innovation der Öffentlichkeit präsentiert. In Good Morning America“ erblickte der Segway von Dean Kamen — nach Steve Jobs die Zukunft des Stadtverkehrs” — das Licht der Welt.

Nun… Hinterher ist man immer schlauer und auch Steve Jobs war fehlbar. Der Segway war ein kolossaler Reinfall. Ein falsch-positives Urteil. Warum?

  1. Kamen verzichtete auf Marktfeedback. Wenige durften das Gerät testen. Kamen’s Hybris: Er hatte eine Lösung, aber kein Problem.

  2. Intuition ist nicht alles. Jobs, Bezos & Doerr waren begeistert, aber fachlich nicht in der Lage den Segway zu bewerten.

  3. Erfindungen müssen bei aller Innovation praktikabel sein und Kunden überzeugen.

  4. Durchführung > Idee. Der Segway war zu teuer. Kundenfeedback hätte dem früh entgegen wirken können.

Der Segway mag gescheitert sein, Kamen ist es nicht. Viele nützliche Erfindungen folgten. Auch dem Rest erging es nicht schlecht. Der Segway war nicht ihre einzige Wette. Was wir mitnehmen können: Begeisterung kann trügen, Feedback & Iteration schadet nicht. (Bild: Jan Wergin)

Segway Dean Kamen Steve Jobs Invention Innovation invention
December 7, 2020

📚 Books Books Books (2020 part 2)

Endlich neigt sich 2020 dem Ende entgegen und wir können das verdammte Jahr zu den Akten legen. Auch wenn vieles nicht lief, habe ich an meiner Absicht festgehalten, mehr zu lesen. Insgesamt waren es 54 Bücher, in Form von Print, Audio oder Digital. Hauptsächlich Non-Fiction, gepaart mit Science Fiction. Wer das volle Programm sucht wird bei Goodreads fündig. Die ersten sechs Monate Non-Fiction habe ich hier zusammengefasst. Unten folgt der Rest, gelistet nach Lesedatum. Wer noch ein Geschenk sucht, dem sei mein Lieblingsbuch 2020 empfohlen: Merlin Sheldrake: Entangled Life - How Fungi Make Our Worlds, Change Our Minds & Shape Our Futures, dicht gefolgt von Robert Macfarlane: Underland und Alfred Lansing: Endurance - Shackleton’s Incredible Voyage sowie Lindsey Fitzharris: The Butchering Art - Joseph Lister’s Quest to Transform the Grisly World of Victorian Medicine. 2021 wird definitiv mehr zu Pflanzenneurobiologie, Systems Thinking und Ökosystemwertschöpfung kommen. Versprochen.

Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens: Strategisches Denken in komplexen Situationen

Puh. Wahrscheinlich eines der wenigen Bücher, die ich 2020 nicht zu Ende lesen werde. Eigentlich tickt es alle Boxen, die mich interessieren. Im Kern handelt das Buch von der Unsicherheit, die von Komplexität ausgeht. Die Art von Unsicherheit, die in uns eine urmenschliche Angst schürt, die unser Gehirn mit einer einfachen Notfallroutine beantwortet: Der Suche nach einem bekannten Muster und dem Ausblenden aller anderen unberechenbaren Faktoren. Klingt vertraut? Vieles davon wurde in den letzten Jahren mit Blick auf Fake News und Verschwörungstheorien diskutiert. Unser Gehirn lässt uns nur das sehen, was es sehen will. Wir handeln und agieren intuitiv und impulsiv, ohne auf mögliche langfristige und vernetzte Wirkungen zu achten. Und in dem wir das tun, treffen wir ungemein viele Fehlentscheidungen. Dörner geht in seinem Buch auf spannende wissenschaftliche Simulationsexperimente und Alltagsentscheidungen genauso ein wie auf die kaskadierenden Fehler, die zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führten. Es ist Dörner todernst. Und das merkt man. Seine Expertise ist gewaltig. Dennoch schafft er es irgendwie nicht, mich abzuholen. Auch wenn das Buch in die Gattung populärwissenschaftliche Literatur fällt, ist sein Stil langatmig und kompliziert. Es passt einfach gerade nicht in meine Lebenswelt. Wer aber Zeit und Muße hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, trifft hier auf einen Klassiker, der in unserer heutigen Zeit moderner denn je ist.

★★★☆☆

Bronwen Percival: Reinventing the Wheel - Milk, Microbes, and the Fight for Real Cheese

Manchmal fliegen einem Bücher zu, mit denen man nicht gerechnet hat. Dieses ist eines davon. Beim losen Surfen im YouTube Channel von James Hoffmann — bester YouTube Channel über Kaffee — sprang ich zu seinem Instagram Profil in dem er das Buch in einem Post von 2017 empfahl. Um was geht es? Um ein Wort: Käse. Ich daraufhin so: Warum nicht. Mal was anderes. Gesagt, bestellt, gelesen. Ich zitiere Hoffmann, weil ich ihm vollends zustimme: Engagierend, lustig, lehrreich und leidenschaftlich - alles, was Food Writing sein sollte. Wenn Ihr euch auch nur ein wenig für Käse oder Fermentierung oder Mikrobiologie interessiert - würde ich sagen, dass dies eine unverzichtbare Lektüre ist.” Ich hab enorm viel gelernt und tatsächlich auch Dinge gefunden, die mich und meine Interessen rund um Ökosystemwertschöpfung komplett abholen. Man sollte öfter den eigenen innerlichen Empfehlungsalgorithmus abschalten und zu Büchern greifen, die außerhalb des eigenen Netzwerkes und Interessengebietes liegen. Sie bereichern mehr als die dritte Perspektive auf das immergleiche Thema, in dem man sowieso schon Experte ist. Vorsatz für das neue Jahr: Raus aus dem Sumpf.

★★★★☆

Donella H. Meadows: Thinking in Systems - A Primer

Thinking in Systems ist eine Pflichtlektüre, die ich viel zu lange aufgeschoben habe. Das Denken in Netzwerken und vernetzten Systemen ist mir nicht fremd. Im Gegenteil. Dennoch fehlte mir bisher immer eine solide Einführung in das Thema, die die Grundlagen in einer klaren und einfachen Sprache vermittelt, auf das ich zurückgreifen konnte. Thinking in Systems ist diese Einführung. Ich hatte große Erwartungen an das Buch und sie wurden in jeder erdenklichen Hinsicht bestätigt. Meadows bringt eine große Anzahl von Beispielen mit, die aufzeigen, wie die Systemtheorie von verschiedenen Akteuren, von Regierungen über Unternehmen bis hin zu Einzelpersonen, angewandt wird. Sie gibt keine praktischen Tipps zur Anwendung wohlgemerkt. Es ist ein Buch über die Theorie, ihre Bestandteile und wie man die Dinge durch die Brille der Systemtheorie betrachtet. Auch ist das Buch schon fast 20 Jahre alt. Dies merkt man an einigen Ecken. Dennoch lindert dies nicht die Qualität. Jeder der sich in der Tech- oder Digitalszene zu hause fühlt, bzw. mit Plattformen, Ökosystemen oder Netzwerken zu tun hat, sollte dieses Buch gelesen haben. Schiebt es nur nicht wie ich zu lange vor Euch her.

★★★★★

Jon Gertner: The Idea Factory - Bell Labs and the Great Age of American Innovation

Die Royal Society, Bell Labs, Menlo Park, das Palo Alto Forschungszentrum, Xerox Parc, SRI International… Die Geschichte hat ein paar herausragende Forschungsinstitute hervorgebracht, die alle einen ungemein hohen Einfluss auf die moderne Menschheitsgeschichte hatten. Von seinen Anfängen in den 1920er Jahren bis zu seinem Niedergang in den 1980er Jahren, war der Forschungs- und Entwicklungsflügel von AT&T, die Bell Laboratories, das größte und wohl auch das beste Labor für neue Ideen in der Welt. Es ist schwer einen Aspekt des modernen Lebens zu finden, der nicht von den Bell Labs berührt wurde. Egal ob Transistoren, Halbleiter, Satelliten, Informationstheorie, Qualitätskontrolle, Faseroptik, Unterwasserkabel, CDs, Mobiltelefone, Videotelefone, Laser, Unix oder die Programmiersprache C. Alles wurde maßgeblich von Bell Labs verbessert oder dort erfunden. Das Buch tangiert eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Wie fördert man strukturell Innovation? Wir alle kennen Universitäten, private Institutionen oder Wettbewerbsmodelle. Das Modell, das in diesem Buch im Detail untersucht wird, ist ein anderes. Das Bell-Lab-Modell beschreibt ein riesiges industrielles Forschungslabor, das bequem innerhalb eines riesigen staatlich regulierten Monopols lebt. Tausende von Forschern wurden an einen einzigen Ort zusammengepfercht und mit der heroischen Aufgabe beseelt, die Art und Weise zu verändern wie wir kommunizieren. Wie, war ihnen selbst überlassen. Viele Aspekte des Labors wurden jedoch so konzipiert, dass Innovationen unterstützt und gefördert werden. Die Architektur war auf Interaktion ausgelegt (Steve Jobs und Pixar lassen grüßen). Es wurden Kurse angeboten, um das breite Wissen in der Organisation zu verbreiten. Hatte jemand eine Frage, durfte jeder auf jeden zugehen. Mein Netzwerk ist dein Netzwerk. Natürlich hatte die Organisationsstruktur auch so seine Probleme. Man kämpfte gegen die Regierung, die das AT&T Monopol brechen wollte. Es mussten viele Kompromisse eingegangen werden und letztlich starb Bell Labs schleichend kurz vor der IT Revolution in den 1980er Jahren. Vielleicht war das Silicon Valley Innovationsmodell (kleinere, konkurrierende Einheiten) dem monolithischen Labor, dessen Fortbestand nicht unbedingt von der Geschwindigkeit seiner Forschung abhängt, auch einfach überlegen. Es ging jedenfalls eine Ära zu Ende. Bell Labs sind nur ein Experiment von vielen, wenn wir über Förderung von Innovation sprechen. Aber ein sehr wichtiges.

★★★★☆

Ed Catmull: Creativity, Inc. - Overcoming the Unseen Forces That Stand in the Way of True Inspiration

Creativity Inc. ist die Geschichte von Pixar und seinen Gründern Steve Jobs, John Lasseter und Ed Catmull. Das Buch besteht zu gleichen Teilen aus Management Theorie”, Memoiren eines unkonventionellen Startup Geschäftsführer” plus eine gesunde Dosis Mein Verhältnis mit Steve Jobs”. Und obwohl das vielleicht etwas trocken klingt, schafft Catmull es in ein angenehmes Narrativ zu packen. Man merkt wie wichtig es ihm ist zu vermitteln, wie man bei Pixar eine großartige und dauerhaft vorwärtsgerichtete Kultur aufgebaut hat und wie diese Kultur den Erfolg des kreativen Unternehmens geprägt hat. Zugegeben, vieles hat man schon oft gehört: (1) Veränderung und Unsicherheit gehören zum Leben, deswegen sollte man sich Wandel nicht widersetzen. (2) Es braucht neue Fähigkeiten, um robust zu agieren. (3) Versagen ist eine notwendige Folge davon, etwas Neues zu tun. Und ja, man muss Fehler beheben und das wird teuer, ist aber immer noch billiger als zu versuchen alle Fehler zu vermeiden. (4) Kreativität bedeutet Chaos. Am Anfang sind selbst Babys hässlich. Schön werden sie mit der Zeit und vielen Iterationsschleifen. Durch Anekdoten und Einsichten zeigt Catmull die Kraft des Geschichtenerzählens auf und vermittelt durchaus ein paar nachhaltige und wichtige Weisheiten aus seinem Leben. Zugegeben, 2020 ist die falsche Zeit, um solch ein Buch zu lesen. Viele von uns sitzen daheim und starren zwölf Stunden pro Tag in einen seelenlosen Monitor. Wir sind weit weg vom Braintrust, dem Raum, in dem alle Mitarbeiter offen zusammenkommen und ehrlich ihre Meinung zum kreativen Prozess kundtun können. Dennoch hat es mir Spass gemacht Catmulls Erinnerungen zu folgen. Ich kann aber auch jeden verstehen, dem das Buch zu wenig bietet.

★★★★☆

James Lovelock: Novacene - The Coming Age of Hyperintelligence

Wow. Als James Lovelock Novacene schrieb, war er 98 Jahre alt. Und seine Gedanken sind so scharf wie eh und je. Bekannt wurde Lovelock für die Gaia-Hypothese. Sie besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden könne, da die Biosphäre (die Gesamtheit aller Organismen) Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen. Seit der Formulierung steht die Hypothese in der Diskussion zwischen Kritik und Faszination für das Bild, das sie transportiert. Die Mythen der alten Griechen und die neuen Welten der Guardians of the Galaxy lassen grüssen. Sein neues Buch blickt nun auf die Zukunft dieses Organismus, eine Zukunft, in der der Mensch wahrscheinlich keine große Rolle spielen wird, nachdem er seinen Zweck” erfüllt hat, indem er eine Ära der künstlichen Intelligenz, das Novazän, einläutete. Ein durchaus spannender Gedanke, den Lovelock locker und leicht auf wenigen Seiten präsentiert. Teilweise ein wenig zu leicht, driftet er doch recht schnell ab Richtung Science Fiction, wenn er vorschlägt, dass künftig Cyborgs zu den Wächtern unserer Galaxie werden und auf Gaia und uns Menschen aufpassen. Daher vier Sterne bis zum religiösen Cyborg-Kapitel. Bis dahin ist es ein sehr klarer, kurzer und lesbarer Impuls, von einem 100 Jahre alten Wissenschaftler, der in seinen frühen Lebensjahren Stephen Hawking als Baby in den Schlaf wiegte 🤯

★★★★☆

Edward Snowden: Permanent Record

Hierzu brauche ich keine Worte verlieren. Die Memoiren sollte jeder einmal gelesen haben. Gefühlt scheinen wir einen Mantel des Schweigens und Vergessens über die Sache geworfen zu haben. Aber man darf nicht vergessen. Der Überwachungskapitalismus ist Realität.

★★★★☆

Vaughn Tan: The Uncertainty Mindset: Innovation Insights from the Frontiers of Food

Innovation. Innovation. Innovation. Man kommt heutzutage kaum noch drumherum. Egal ob Stream, Blogs, Magazine oder Artikel. Jeder beschwört die Kraft der Innovation im Business oder Tech-Kontext. Gekloppt werden jedoch immer die gleichen Management-Phrasen. Selten liest man irgendwo was neues. Und wenn, bleibt nicht viel Substanz übrig, wenn man einmal den Hype und das Buzzword-Lingo abgekratzt hat. Umso erfrischender ist der Blick von Vaughn Tan in die hochelitären R&D Küchen der innovativsten Restaurants dieser Welt. Er kann aus dem Vollen schöpfen. Jahrelang hatte er einen beispiellosen Zugang zu besten kulinarischen Teams der Welt und verrät, wie diese mit der großen Unsicherheit, die ihr Job jeden Tag mitbringt, umgehen. Er skizziert, wie diese Unsicherheit im Organisationsdesign der Küchenlabore und Restaurants eingebettet ist und tatsächlich mehr ist, als einfach nur zu versuchen, das tägliche Risiko der Küche zu reduzieren. Das Uncertainty Mindset veränderte die Art und Weise, wie die Küchen (Organisationen) Mitarbeiter einstellen, sich Ziele setzen und Teammitglieder motivieren. Es fördert eine höchst unkonventionelle Arbeitsweise, die wie geschaffen für das unsichere 21. Jahrhundert scheint. An einigen Stellen hätte ich mir ein paar Vergleiche mit herkömmlichen” Innovationsstrategien gewünscht. Aber Bücher aus Management Perspektive gibt es zu genüge. Spannend daher zu sehen, wie die Teams selbst in der Unsicherheit manövrieren und ihren eigenen Style entwickeln, der dem Altbestand wie den Neuen Orientierung, Halt und Raum für Experimente gibt. Danke Johannes für die Empfehlung!

★★★★☆

Merlin Sheldrake: Entangled Life - How Fungi Make Our Worlds, Change Our Minds & Shape Our Futures

Pilze. Kann man mich mit jagen. Allerdings lehrte mich Merlin Sheldrake — der Sohn von Rupert Sheldrake, der morphogenetische Felder erforscht — Pilze zu lieben. Man muss sie ja nicht gleich essen. Das Buch veränderte meinen Blick auf die Welt. Ohne Pilze kein Wein, Bier, Pizzateig, Penicillin, LSD oder Kompost. Ohne Pilze würden wir unter Kilometern von Biomasse ersticken. Entangled Life ist ein faszinierender Einblick in die Welt der Pilze. Eine Welt, die mit so gut wie allem anderen auf der Erde innig verwoben ist. Ich habe in diesem Buch so viel gehighlighted, dass es Seiten brauchen würde, um alles zu teilen. Von der Problemlösungsintelligenz von Pilzen über Zombie-Pilzen bis hin zur Heilung menschlicher Krankheiten und natürlich seltsamen Pilz-Trips. Die Mykologie zeigt uns, dass Pilze eine vielfältige und komplexe Klasse von Organismen sind und dass ohne das empfindliche symbiotische Gleichgewicht zwischen Pilz und Vegetation das Leben auf dem Planeten nicht möglich gewesen wäre. Ohne Pilze kein Wood Wide Web und damit keine pflanzlichen Ökosysteme und damit keine Menschen. So einfach. Ähnlich Pflanzen können Pilze Licht detektieren, Temperaturen wahrnehmen und Nährstoffe, Giftstoffe sowie elektrische Felder identifizieren. Manche Pilze mampfen radioaktives Material, Zigarettenstummel oder bauen schmutzige Windeln ab. Insgesamt gibt es zwischen 2,2 und 3,8 Millionen Pilzarten in der Welt - sechs bis zehnmal so viele wie Pflanzenarten und weniger als 10 Prozent sind davon erforscht. Es ist eine faszinierende unbekannte Welt, die uns noch viel lehren kann. Egal ob in Bereichen der Kommunikation, Kollaboration, Medizin oder Materialwissenschaft. Sheldrake packt all dies und mehr in ein unterhaltendes und lehrreiches Buch, was ich jedem ans Herz legen kann. Pilze sind wahrlich außergewöhnlich. Sie können unsere Welt retten.

★★★★★

Douglas Adams: Last Chance to See

Ich vermisse Douglas Adams. Ich vermisse ihn wirklich. Seine originelle, phantasievolle und humorvolle Art, Bücher zu schreiben, wird unübertroffen bleiben. Obwohl er als Science-Fiction-Autor bekannt wurde und als solcher geführt wird, war er auch ein herausragender Wissenschaftsautor. Dieses Buch ist ein leidenschaftlicher, liebevoller, kritischer Blick auf die menschliche Spezies und unseren Einfluss auf unseren Planeten. Es dokumentiert den Niedergang und den drohenden Verlust einiger wunderbarer Wirbeltiere. Das Buch stellt uns vor die Aufgabe, sich der Zerstörung des Planeten entgegenzustellen, und lässt uns den tragischen Verlust unseres Erbes spüren. Aber Adams deprimiert nie. Er beweist, dass es Hoffnung gibt. Wenn wir unsere Hintern endlich in Bewegung setzen.

★★★★☆

Anselm Oelze: Wallace

Ein spannender Debütroman von Anselm Oelze. Amüsant und unterhaltsam, aber mit einigen technischen Schwächen. Das Buch ist mehr Roman als Sachbuch, dennoch lehrt es viel über die Schwere und Ungerechtigkeit der Geschichte, weswegen ich es hier aufgenommen habe. Jeder kennt Charles Darwin. Viel weniger bekannt ist der britische Naturwissenschaftler Alfred Russel Wallace. Beide entdeckten” etwa zur gleichen Zeit die Evolutionstheorie, aber nur einer von ihnen brannte sich als Ikone der Wissenschaft in das Gedächtnis der Menschheit ein, obwohl der andere die Idee sogar als erster zu Papier brachte: in einem Brief von Wallace an Darwin. Es ist ein Buch über eine faszinierende Persönlichkeit mit einer faszinierenden Biographie, der viel zu wenig Ehre zuteil wurde. Ich bin bestrebt, mehr über ihn zu erfahren.

★★★☆☆

Robert Macfarlane: Underland

Robert Macfarlane ist ein Poet. Ich bin mir nicht sicher, wie ich Underland beschreiben soll. Es ist zum Teil ein Reise-/Abenteuerbuch, aber auch ein Buch über die Natur. Mit viel Einwürfen aus der Biologie, der Geologie, der Geschichte und der Klimawissenschaften. Es ist ein Buch über Bergbau, Höhlenforschung, Grabkammern, das Studium der dunklen Materie, radioaktive Abfälle, das Wood Wide Web, Pariser Katakomben, die mythischen Flüsse der Unterwelt, prähistorische Höhlenmalereien, den Widerstand gegen Ölbohrungen, Grönlands Gletscher und Finnlands Tunnel. Es ist ein Buch über unsere Vergangenheit. Und über unsere Zukunft. Es ist ein Buch voller Leidenschaft. Es weckt ein Verlangen. Die Sehnsucht, nach draußen zu gehen und die Natur zu erforschen. In sie einzutauchen. Buchstäblich.

★★★★★

Robert Iger: The Ride of a Lifetime - Lessons Learned from 15 Years as CEO of the Walt Disney Company

Teilweise Lektionen über die Wirtschaft, teilweise persönlicher Reisebericht und teilweise Betrachtungen aus erster Hand über den Aufstieg des größten Unterhaltungsimperiums der Welt. Bob Iger hat keine schwere und tiefgründige Biographie geschrieben. Im Gegenteil. Er teilt viele nützliche und ehrliche Lektionen über die menschliche Seite des Big Business. Ein weiterer faszinierender Teil des Buches befasst sich damit, wie Iger es schaffte, sich die großen Übernahmen von Disney (Pixar, Marvel, LucasFilm & Fox) zu sichern. Es war nicht das typische Leadership/Führungsbuch, das ich erwartet hatte. Sondern eine erstaunliche Geschichte über Ausdauer, Leidenschaft, Fokus, Vorausdenken und Tatkraft.

★★★★☆

William Zinsser: On Writing Well - The Classic Guide to Writing Nonfiction

Man lernt schreiben, indem man schreibt. Aber Schreiben ist nicht dasselbe wie Schreiben. Um gut schreiben zu können, muss man auf bestimmte Dinge achten. Und On Writing Well gibt handfeste, qualitativ hochwertige Schreibtipps. Das ist das Buch.

★★★★☆

Matt Ridley: How Innovation Works: Serendipity, Energy and the Saving of Time

Innovation ist das meistgenutzte und am meisten missbrauchte Konzept unserer Zeit. Heutzutage muss alles innovativ sein. Und damit ist der Begriff zu einer bloßen leeren Phrase verkommen. Zum Glück gibt es Matt Ridley. Er erklärt die bunte Geschichte der Innovationen und räumt mit einigen gängigen Vorurteilen darüber auf, wie Innovation entsteht: Innovation ist meist das Ergebnis von Teamarbeit, Mitentdeckung, Zufall, schrittweiser Verfeinerung, ziellosem Tüfteln und endlosem Trial-and-Error-Lernen. Er zeigt, dass Innovation in einer freien Gesellschaft besser funktioniert als in geschlossen, in der Innovation ohne Erlaubnis nicht gefördert wird. Man kann mit Innovation nicht planen, aber man kann sie fördern. Um seinen Standpunkte zu belegen, erzählt Ridley viele unterhaltende Anekdoten über die historischen Kämpfe, die Innovatoren und Erfinder ausfochten mussten. Man kann ihn dafür kritisieren, dass seinem Buch eine gewisse Struktur fehlt. Er springt von einer Geschichte zur anderen. Aber — das muss ich zugeben — es funktioniert. Ich hatte eine tolle Zeit mit dem Buch, habe viel gelernt, und habe nun viele Anmerkungen im Buch stehen, über die ich nachdenken muss.

★★★★★

Anna Wiener: Uncanny Valley

Anna Wiener ist eine wahnsinnig gute Beobachterin und schreiben kann sie auch noch. In ihren Memoiren erzählt sie, wie sie ihren eintönigen Job bei einer New Yorker Literaturagentur für eine hoch bezahlte Stelle im Kundensupport eines Silicon Valley-Start-ups aufgab und wie die Begeisterung, die sie anfangs für die Arbeit in der Technologiebranche empfand, nach wiederholten Begegnungen mit dem Sexismus, Rassismus und der Missachtung der Privatsphäre der Benutzer der Szene, bald verflog. Ja. Wiener bietet keine Analyse und die Kritik an Silicon Valleys Privilegien-Kultur ist zwar solide, bietet aber wenig Neues. Ich musste mich aber mehrfach daran erinnern, dass dies nicht ihre Absicht war. Sie erzählt ihre Geschichte. Und mehr. Sie schuf ein Dokument, das die Schwingungen eine bestimmte Zeit und eines bestimmten Ortes äußerst gut einfing. Egal ob Silicon Valley, Berlin, London oder irgendein anderes digitales / Startup-Ökosystem. Wenn man in einem solchen arbeitet und lebt, wird man sich in diesem Buch sehr schnell wiederfinden.

★★★★☆

Lindsey Fitzharris: The Butchering Art - Joseph Lister’s Quest to Transform the Grisly World of Victorian Medicine

Chirurgie im 19. Jahrhundert war hart, blutig, schmerzhaft und fast immer tödlich. Sie war barbarisch. Krankenhäuser waren als Todeshäuser bekannt. Jeder versuchte, sie so weit wie möglich zu vermeiden. Chirurgen wuschen sich nicht die Hände, und auch Werkzeuge, Kleider oder Krankenhausbetten wurden nicht gereinigt. Führten Ärzte eine Autopsie durch, wuschen sie sich nicht danach die Hände und benutzen dieselben Werkzeuge bei Operationen an lebenden Patienten. Das Ergebnis: 90% aller Patienten, die die Operation überlebten, starben in Folge an einer Infektion. Auftritt Joseph Lister. Er widmete sein Leben der Suche nach den Ursachen von Infektionen, die in Krankenhäusern in ganz Großbritannien wüteten. Seine antiseptische Medizin veränderte den Verlauf der Medizingeschichte. Dabei sah er sich einem extrem rigiden Denkstil gegenüber, den er aber niederrang. Und damit rettete er wahrscheinlich Milliarden von Leben. Eine der kurzweiligsten Biographien, die ich je gelesen habe - unterhaltsam, schockierend und tiefgründig.

★★★★★

Mark Manson: Everything is F*cked - A Book About Hope

Im Jahr 2016 veröffentlichte Manson The Subtle Art of Not Giving A F*ck”, ein Buch, das dem allgegenwärtigen Angstgefühl, das das moderne Leben durchdringt, auf brillante Weise eine Gestalt verlieh. Ich habe das Buch geliebt. Die Einfachheit des Konzepts hilft mir auch heute noch. Und ja, es stimmt etwas nicht mit unserer Welt. Wir haben eine Welt der Ablenkungen geschaffen, die die Illusion von Freiheit vermittelt, uns aber in Wirklichkeit gefügig und gefangen hält. Und deswegen fragt sich Manson nun: Gibt es noch Hoffnung? So weit, so gut. Aber diesmal hatte ich meine Probleme mit Mansons allzu vereinfachtem Stil. Das Buch ist eher eine Sammlung von Blog-Einträgen und Essays. Es ist eine Schüssel voll oberflächlich betrachteter klassischer stoischer Philosophie und einfacher Küchenpsychologie, vermischt mit einigen neuen Harari-Anklängen und Meditations- und Mindfulness Vibes. Klar, ein Weg. Aber Manson vereinfacht es zu sehr. Viel zu sehr. Das Thema ist tiefgründiger. Ja, das Buch hatte teilweise lustige Stellen, aber mehr als ein paar interessante Geschichten und Klischees hat es nicht zu bieten.

★★★☆☆

Stefano Mancuso: The Revolutionary Genius of Plants - A New Understanding of Plant Intelligence AND Behavior and Brilliant Green - The Surprising History and Science of Plant Intelligence

Es kommt selten vor. Aber von Zeit zu Zeit begegnen wir Ideen, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Mir ist es passiert, als ich zu Beginn des Pandemiejahres 2020 zum ersten Mal vom Wood Wide Web”, dem Internet der Bäume”, hörte. Ein paar Monate später vertiefte ich mich in das Thema und stieß auf Stefano Mancuso, einen italienischen Biologen. Mancuso eröffnete mir mit seinen Büchern, dass Pflanzen empfindungsfähig sind. Sie können Licht wahrnehmen, haben einen ausgeprägten Geruchssinn, leben in einer taktilen Welt, reagieren auf Geräusche, kommunizieren mit Hilfe chemischer Signale und schmecken” Gefahren. Es stellt sogar die Hypothese auf, dass Pflanzen eine bestimmte Art von Intelligenz zugeschrieben werden kann. Definiert man Intelligenz als die Fähigkeit Probleme zu lösen, sind Pflanzen intelligent. Pflanzen sind für uns heute so eigentümlich, so merkwürdig anders. Dennoch beherrschen sie das Leben auf der Erde. Unsere Existenz hängt von ihnen ab. Daher ist es seltsam, dass wir sie kaum zu kennen scheinen. Obwohl die Pflanzenwelt etwa 80 Prozent der gesamten Biomasse auf der Erde ausmacht, messen wir der dominantesten und wahrscheinlich erfolgreichsten Gattung der Landorganismen kaum Bedeutung bei. Wir sind geblendet von einer uralten Arroganz, die den Menschen und die Tierwelt begünstigt. Aber das Bild ändert sich. Die aufstrebende Wissenschaft der Pflanzenneurobiologie befasst sich mit der Frage, wie Pflanzen ihre Umwelt wahrnehmen und ganzheitlich auf sie reagieren. Wenn Pflanzen schmecken, hören, fühlen und kommunizieren können, wenn sie ihre Umwelt wahrnehmen und kontinuierlich Informationen verarbeiten können, um sie für lebenswichtige Entscheidungen zu nutzen, was können wir dann heute von ihnen lernen? Es gibt unzählige Möglichkeiten in der Welt der Pflanzen, die wir noch nicht erforscht haben, geschweige denn kennen. Man kann nur raten, wie viele bekannte Unbekannte noch vor uns liegen. Ganz zu schweigen von den unbekannten Unbekannten. Pflanzen werden uns retten. Wir können noch so viel von ihnen lernen.

★★★★★

Alfred Lansing: Endurance - Shackleton’s Incredible Voyage

Was. Für. Eine. Geschichte. 1914 stach Sir Ernest Shackleton mit einer 27-köpfigen Besatzung an Bord eines Schiffes namens Endurance” in den Südatlantik auf. Im Oktober 1915 geriet das Schiff in Eis und die Besatzung - einen halben Kontinent von ihrem geplanten Ziel entfernt - wurde in einer der feindlichsten Regionen der Welt zu Schiffbrüchigen. Shackletons neues Ziel lautete schnell, jeden Mann lebend nach Hause zu bringen. Lansing teilt eine fesselnde und intensive Lektüre über einen Mann und seinen Führungsstil. Shackleton glaubte an seine Mission und an sein Team. Sein Optimismus war ansteckend. Er hatte das Talent, ein klares und geteiltes Missionsziel zu entwickeln. Jeder, der an der Antarktis-Expedition teilnahm, verstand seine Rolle und beschwerte sich nie. Shackleton wusste, wie man Einheit und Engagement innerhalb des Teams aufbaut. Er schätzte harte Arbeit und Loyalität über alles andere. Er förderte sie. Das Wohl seines Teams hatte für ihn oberste Priorität. Es war wichtiger als die Mission. Obwohl sein Plan zerschlagen wurde, war er flexibel genug, um einen neuen Plan zu erstellen. Und einen weiteren. Und noch einen. Er vermied es, sich emotional an einen bestimmten Plan zu binden, egal wie viel Zeit er damit verbracht hatte, ihn zu entwerfen. Und last but not least: Er traf während der gesamten Expedition viele schwierige Entscheidungen. Aber er traf sie mit Blick auf das Team. Wenn wir alle ein wenig von Shackletons Integrität hätten, wäre die Welt ein besserer Ort.

★★★★★

Dan Harris: 10% Happier: How I Tamed the Voice in My Head, Reduced Stress Without Losing My Edge, and Found Self-Help That Actually Works

Ich hörte das Hörbuch bei ausgedehnten Waldspaziergängen während meiner Elternzeit. Sehr passend, wie ich gerade feststellte. Das Buch handelt von Dan Harris. Und Dan Harris ist ein Arschloch. Das sagt er über sich selbst. Mehr als einmal. Ihr kennt diese Art von Leuten. Wer auch immer irgendetwas mit Medien, Beratung oder der digitalen Unternehmensgründungsszene zu tun hat, ist solchen selbstverliebten Menschen schon einmal über den Weg gelaufen. Eine Menge von 10% Happier dreht sich darum, dass Harris versucht, weniger Arschloch zu sein. Seine Rettung: Meditation. Aber das Buch ist zum Glück kein beliebiges Selbsthilfe-Guru-Buch über Meditation und Achtsamkeit, das uns auf unserem Weg zu innerem Frieden und Glück führen möchte. Es ist eine kritische Geschichte über die Entdeckung des eigenen Selbstbildes. Und das hat mir sehr gut gefallen.

★★★★☆

Adam Grant: Originals: How Non-Conformists Move the World

Eine sehr angenehme Lektüre über die Förderung von Kreativität und Erfolg. Das Buch selbst ist nicht per se originell”, denn es arbeitet hauptsächlich mit Beispielen aus der jüngeren Internetgeschichte, persönlichen Anekdoten und manchen wissenschaftlichen Studien. Alles zusammen ist unterhaltsam in ein Narrativ gebracht und in eine einfache Struktur eingebettet. Ich habe durchaus eine ganze Reihe von Dingen gelernt. Für Liebhaber von Malcom Gladwell lohnt sich ein Blick.

★★★☆☆

Steven Levy: Facebook - The Inside Story

Puh. Auf der Habenseite: Eine lesbare Geschichte über den Facebook-Gründer. Wenn man nicht viel über Mark und Facebook weiß und mehr erfahren möchte, ist dieses Buch für Euch geschrieben. Die Schattenseite: Levy verherrlicht die Frühzeit von The Zuck und es bietet nur eine oberflächliche Diskussion zu den Salven der Kritik, denen sich Facebook in den letzten Jahren gegenüber sah - ihren Umgang mit privaten Daten oder der laxe Umgang mit anstachelndem Material und Verschwörungstheorien. Facebook ist eine Waffe. Vergesst das nicht. Am besten lest ihr im Anschluss direkt Mindf*ck“: Cambridge Analytica and the Plot to Break America” von Christopher Wylie.

★★★☆☆

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December 3, 2020

Zurück in die Zukunft

The Paper Time Machine by Wolfgang Wild and Jordan LloydThe Paper Time Machine by Wolfgang Wild and Jordan Lloyd

Zurück in die Zukunft. Bereits um 1900 summten mehr als 60.000 E-Wagen durch die USA. In 128 Städten standen tausende Ladestationen. Weder Lärm noch Abgase verdichteten die Luft.

Stromer waren das Schnellste, was Ingenieure wie Porsche auf die Straßen stellen konnten. Camille Jenatzy war der erste, der die magische Schwelle von 100 km/h durchbrach. Strombetrieben, wohlgemerkt.

Benziner galten als qualmende und lärmende Stinker mit Pannenneigung. Sie glänzten nur mit Flexibilität durch Reichweite. Viel Entwicklungsgeist floss deswegen in Elektrofahrzeuge: Vorspannwagen für Kutschen entstanden. Schnellladestationen für Busse wurden entwickelt, genauso wie Zwischenladestationen in Anhängerform. Austauschbare Akku-Module gab es ebenso wie Postwagen, LKWs oder Taxis.

Finanzielle Gründe sorgten letztlich für den Durchbruch des Benziners. Mit dem Ford Modell T kam die Massenfertigung. Ein kurbelloses Auto war einfacher zu bedienen. Zudem kosteten Benziner nur noch ein Bruchteil des Preises für E-Autos mit Reichweitenproblemen. Neue Erdölvorräte sicherte Benzinnachschub und ein Tankstellennetz war zügig gelegt.

120 Jahre später nun das Revival. Mit vielen Entwicklungen, die den Innovationen von damals verblüffend ähneln. (Bild Wild/Lloyd)

Erfindung Elektromobilität E-Auto Mobilität Disruption braucht Zeit invention
November 30, 2020

Let’s meet in the next metaverse

Pablo Picasso sagte einmal, dass wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen könnte.” Über fünfundachtzig furchtbare und leidenschaftliche Jahre widmete er sich diversen Themen in den verschiedensten Medien. Egal ob Form, Farbe, Bild oder Symbole. Er experimentierte mit allerlei Geschichten und Gedanken, einzig getrieben durch seine Vorstellungskraft und schuf damit ein episches Werk aus 20.000 Kunstwerken.

Wäre Picasso heute noch am Leben, wäre er wahrscheinlich fasziniert von dem Werk Parallel Dimensions” des YouTubers Pwnisher, der 125 Computergrafik-Künstler aufrief, dieselbe Szene nach einfachen Vorgaben in ihrem eigenen Stil zu animieren. Entstanden sind 125 bezaubernde Bilder zum selben Thema. Gerne stelle ich mir vor, dass Picasso so die Welt gesehen hat. Eine Version desselben Themas nach der anderen, bis sich ihm die endgültige Fassung offenbarte.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine Zukunft vorzustellen, in der Besuche solcher Welten normal sein werden. Auch wenn ich die literarischen Welten meiner Kindheit nicht missen möchte, bin ich durchaus neidisch auf die fantastischen Möglichkeiten, die sich meinen Kindern eröffnet. Picasso würde sicher zustimmen.

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